Was wissen wir über Jüdinnen und Juden, die von Paderborn nach Warschau deportiert wurden? Wie sah der Alltag im Warschauer Ghetto aus? Was kennzeichnete den Warschauer Ghetto-Aufstand 1943 und warum ist er bis heute so wichtig? Diesen Fragen gingen am Wochenende 26 EF-Schüler:innen nach, um sich auf die Gedenkstättenfahrt nach Warschau und zu den vergessenen Orten der Shoah in Ostpolen vorzubereiten.
Die Spurensuche begann am Bahnhof Kasseler Tor, von dem aus die Deportationen der Paderborner Jüdinnen und Juden erfolgten. Aus lokalgeschichtlichen Quellen erfuhren die Schüler:innen, wie die Deportationen ins Warschauer Ghetto und an andere Orte organisiert wurden. Dabei erhielten sie einerseits Einblicke in die penible und systematische Planung und Durchführung der Deportationen durch die Behörden, andererseits erschlossen sie sich biografisch das Schicksal einzelner im März 1942 deportierter jüdischer Bürger:innen Paderborns anhand von Kennkarten – das Warschauer Ghetto war erstes Ziel der Fahrt, an deren Ende der Tod stand.
In der Schule besuchten die Schüler:innen die Ausstellung „Das Getto“, die von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Paderborn e.V. konzipiert und vom Stadt- und Kreisarchiv Paderborn zur Verfügung gestellt wurde. Ausgewählte Fotografien, die der deutsche Wehrmachtssoldat Heinrich Jöst im September 1941 im Warschauer Ghetto gemacht hatte, zeigten die unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto. Um jüdisches Alltagsleben im Ghetto in all seinen Facetten sichtbar zu machen, verglichen die Schüler:innen anschließend die Fotografien Heinrich Jösts mit Augenzeugenberichten jüdischer Zeitzeug:innen zur Errichtung des Ghettos, zur Versorgungslage, zu Kultur und Bildung sowie zu Selbstverwaltung und Tod im Ghetto. So wurde die einseitige Perspektive der Fotografien aufgebrochen und jüdisches Alltagsleben sichtbar gemacht.
Am Nachmittag stand der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 im Mittelpunkt: Gemeinsam wurden Quellen aus Opfer- und Täterperspektiven ausgewertet. Dass der „Stroop-Bericht“ und das daraus stammende zynische Zitat „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“ von einem in Detmold geborenen und aufgewachsenen Täter stammen, war für die Schüler:innen neu. Augenzeugenberichte von Kämpfer:innen des Warschauer Ghettos verdeutlichten das Selbstverständnis derselben, die aufrecht und mit Würde ihr Leben opferten. So konnten die Schüler:innen abschließend den Ghetto-Aufstand als Symbol des bewaffneten jüdischen Widerstandes erfassen.
Nach dem ersten Vorbereitungswochenende in Wewelsburg im Februar und diesem intensiven Arbeitstag in der Schule, dem noch ein weiterer folgen wird, ist die Gruppe gut auf die im Juni anstehende Gedenkstättenfahrt vorbereitet.
Text und Fotos: Fr. Lettermann